Berlinfahrten
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Vor vielen Jahren schon organisierten Kollegen Fahrten nach Berlin. Sie waren zu DDR-Zeiten ein durch Geldmittel der Bundesregierung gefördertes Abenteuer. Jedenfalls kam das den Schülern so vor, denn durch die DDR zu fahren verhalf manchem zu einer Gänsehaut. Und wer nach einem Besuch Ostberlins ungeschoren zurück in den heimatlichen Westen kam, dünkte sich beinahe so unternehmungslustig wie Reinhard Messner nach dem Marsch durch die Antarktis. Dazu gewann jeder unserer Berlin-Reisenden die sichere Gewissheit, in dem richtigen Staat zu leben. Mauer und Stacheldraht, Soldaten mit Gewehren und Maschinenpistolen, Todesstreifen, Kreuze für erschossene Republikflüchtige und die oft schikanöse Behandlung durch das DDR-Grenzpersonal vermittelten jedem Schüler die Erkenntnis: Du lebst in einem besseren Land! Nach dem Fall der Mauer, der friedlichen Vereinigung von Deutschland Ost und West ist Berlin ein Reiseziel wie jedes andere geworden. Ist es das wirklich? Um diese Frage beantworten zu können, muss ich ein wenig ausholen: Ich selbst war vor 1990 nie in Berlin gewesen und hatte mich vor dem so genannten „Mauertourismus“ immer gegrault. Zwar hatte ich mehrere Aufenthalte in der DDR hinter mir, aber Berlin kannte ich nur vom Hörensagen, von Bildern und Filmen. Nach der Wende konnte ich unsere zu Verwandten „mutierten“ Freunde zum ersten Mal legal besuchen, musste nicht tricksen, täuschen und die „Staatsmacht Ost“ hintergehen. Unsere Freunde zeigten uns damals den Mauerstreifen. Wir befuhren ihn mit dem Fahrrad von Kreuzberg bis zum Potsdamer Platz - und ich war zutiefst erschrocken über die riesige Wüste inmitten der Großstadt. Von der Mauer standen nur noch kleine, kaum erkennbare Reste, Wachttürme ragten als mahnende Zeigefinger in den Himmel wie die Schornsteine aus dem Ruinenmeer nach 1945. Diese Eindrücke vom eigentlich schon weggerissenen „antifaschistischen Wall“ sind tief in mein Gedächtnis eingegraben - und immer, wenn ich vom Fernsehturm auf dem Alexanderplatz aus über das Häusermeer blicke oder von der Panorama-Plattform des Hochhauses am Potsdamer Platz, erscheint die mittlerweile längst vernarbte Mauerschneise wie ein Gespenst vor meinen Augen. Aber was trieb mich an, Berlin als Ziel für eine Klassenfahrt auszuwählen? Die Frage stellte sich vor allem den Menschen, die mich schon lange kennen. Jahrzehntelang war eine Großstadt nie ein Klassenfahrt-Ziel gewesen. Skilaufen waren wir, wanderten oft, nutzten das Fahrrad, paddelten mit Kanus, hatten den Bodensee kennen gelernt, einen Teil der Alpen, den Hegau – im Harz, Solling, Spessart, im Teutoburger und Thüringer Wald, im Hessischen Bergland waren wir herumgetobt und immer mal wieder in Ratzeburg. Als die größten, auf Klassenfahrt besuchten Städte galten Lübeck und Würzburg. Jugendwaldheimaufenthalte waren angesagt gewesen – und plötzlich Berlin? Das Kontrastprogramm für einen alternden Pauker?
Das trifft jedoch nicht zu. Zutreffend ist viel mehr, dass mich durch mehrere Besuche in Berlin etwas gepackt hatte, was vielleicht als Dynamik dieser Metropole beschrieben werden kann: ein Umgestaltungswille und eine Aufbaugeschwindigkeit, die ich noch nie im Leben irgendwo sonst gespürt hatte und die meinen Respekt forderten. Am deutlichsten wurde mir das am Potsdamer Platz. Meine Frau hatte da noch heimlich mit unseren Freunden durch einen Belüftungsschacht Sowjetsoldaten patrouillieren sehen und mir davon erzählt. Ich lernte ihn als eine riesige Wüste kennen mit freiem Blick auf Tiergarten, Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor. Und mit jedem Jahr nach 1990 veränderte sich dieser Potsdamer Platz. Wer sich bei einem Berlinbesuch die Zeit nimmt, nur zuschaut und zuhört, der fühlt dort den Puls der Großstadt schlagen, laut und geschäftig zwar, jedoch umrahmt von Inseln der Ruhe und Muße, Stationen für kulturellen Genuss und des Erinnerns: Spree und Tiergarten, das Kulturforum mit den Galerien und der Philharmonie, die Gedenkstätte des 20. Juli 19944, die Gestapoausstellung „Topografie des Terrors“ und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Mittlerweile ist der Aufbau des Potsdamer Platzes weitgehend abgeschlossen - wenn in einer Großstadt überhaupt von einem Abschluss gesprochen werden kann - aber die von mir angesprochene Dynamik kann auch andernorts erspürt werden, zurzeit vielleicht am Lehrter Bahnhof. Großstadt erspüren, Dynamik erleben, mit Geschichte, Politik und Kultur konfrontiert werden - das waren meine vorrangigen Ziele für die Fahrten nach Berlin. Natürlich sollte die Unternehmung auch gemeinschaftsbildend wirken, aber das war eher nebenrangig. Deshalb lief, nach der Überfrachtung bei dem ersten Berlinbesuch, die Planung der Unternehmungen anders. Pro Tag fanden immer zwei, manchmal drei gemeinsame Vorhaben statt. Die übrige Zeit organisierten die Schüler selbstständig. (Die Eltern hatten dieser Planung schriftlich zugestimmt.) Über Handy war ich immer erreichbar, sodass mögliche Probleme schnell zu lösen gewesen wären. Erfreulicherweise gab es jedoch nie solche zu bewältigen!
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Mit einer Netzkarte der Berliner Verkehrsbetriebe düsten die Schüler kreuz und quer mit S-, U-Bahn und Bus durch Berlin, meist kannten sie sich nach wenigen Tagen besser aus als ich. Weil wir immer über ein Wochenende in Berlin verweilten – von Sonnabend bis Samstag meistens – war der Sonntag nach dem Besuch der Gedenkstätte und dem Museum für den Widerstand im Dritten Reich frei. Das galt auch immer für den Tag vor der Abreise. Als ich einmal den Vorschlag unterbreitete, einen Vergnügungspark ähnlich dem Heidepark zu besuchen, wurde ich gnadenlos abgebürstet: Die Schüler wollten sich einiges noch mal in Ruhe ansehen, wo wir als Klasse zu kurz verweilten. Was hatten wir im Programm? Das war bei jedem Berlinbesuch etwas unterschiedlich, aber zum Kernbereich gehörten: Stadtrundfahrt mit einem Schiff, Stadtgang zu Fuß vom Haus der Kulturen („Schwangere Auster“) zum Reichstag (Bundeskanzleramt und Abgeordnetenhäuser), durch das Brandenburger Tor auf die Straße „Unter den Linden“, dann zum Gendarmenmarkt mit Aufstieg auf den Französischen Dom - wenn das möglich war – zurück zur Humboldtuniversität, Staatsoper, Neue Wache, Zeughaus, Palast der Republik, anschließend in den Hohenzollerndom mit Besichtigung der Krypta, weiter zum Alexanderplatz und schließlich ins Nikolaiviertel. Spätestens dann hatten alle „runde Füße“ und mussten tüchtig gelobt werden! Zum Standardprogramm zählten eine Schlossführung - entweder Sanssouci oder Charlottenburg - der Besuch des Pergamonmuseums und des Museums für Verkehr und Technik, ein gemeinsamer Theaterbesuch (Kabarett „Distel“). Potsdam stand mal auf dem Plan, Wannsee mit der Pfaueninsel, Imex-Kino, Gestapo-Ausstellung, das Haus am Checkpoint Charlie. Bei jedem Besuch durfte ein Gang in die Gedächtniskirche nicht fehlen. Die „Stalingrad-Madonna“ rührte selbst eingefleischte Kunstignoranten. Und natürlich durfte ein Besuch des Reichstages nie fehlen, schon allein um einen Zuschuss zu den Fahrtkosten einzuheimsen. Ein Realschüler sollte darüber hinaus wissen, wo das Zentrum unserer Demokratie steht und wie es aussieht! Am interessantesten war es, als rund um den Reichstag die Abgeordnetenhäuser gebaut wurden. Tag und Nacht wurde dort gearbeitet und besonders am Abend, wenn sich Berlin zu einem Lichtermeer verwandelte, aus dem ganz vereinzelt bekannte Silhouetten herausragten, wurde ein Gang in die Reichstagskuppel und auf die Dachterrasse zu einem unvergesslichen Erlebnis. Natürlich nahmen alle Schüler ein Essen im Paul-Löbe-Haus gerne mit, schon allein der Erwartung wegen, einen bekannten Politiker erspähen zu können. Zusammenfassend geurteilt waren die Berlinfahrten nicht nur informativ und interessant, sondern sie boten den Schülern eine Gelegenheit, in relativer Selbstständigkeit und eigenverantwortlich sich auf unbekanntem Terrain bewegen und behaupten zu können. Einige Jungen ließen sich ein Bundesligaspiel der Herthaner nicht entgehen, mehrmals folgten einige Schüler Einladungen zur Aufzeichnung der Fernsehsendung von „Vera am Mittag“ - und die gesamte Klasse verschwand zu dem Spektakel der Flugübungen am Wannsee, organisiert von „Red Bull“. Ich hatte einige laute und viele stille Bedenken, „trug Schwansfedern“ wegen aller möglichen Gefährdungen - aber der unfallfreie und reibungslose Ablauf dieser Fahrten, wie auch die Rückgabe des in die Schüler gesetzten Vertrauens zeigten die Berechtigung meiner Planungen - oft auch der Dank von Schülern und Eltern. Gespräche mit Schülern zeigten mir später unmissverständlich: Berlin war immer eine Reise wert! Und weil sie sich unsere Metropole sozusagen erobert hatten, fuhren inzwischen auch viele dort wieder hin.
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