Kanu-AG der RS Camper Höhe


 

Stade als Ort an der Wasserkante lädt zum Paddeln oder Rudern ein. Wenn nicht hier, wo sonst sollte das möglich sein? So denkt manch unbedarfter Beobachter der Szene. Die Wirklichkeit sieht etwas weniger rosig aus, aber für unsere Schüler ist das Kanu fahren immerhin möglich.

Alle diese Vorbemerkungen verlangen Erklärungen:

Jahrelang fand sich keine Unterbringungsmöglichkeit für Boote in Wassernähe. Das Schulzentrum am Hohenwedel - es verfügt schon seit vielen Jahren über Kanadier - musste mit einem umständlichen Weg zur Schwinge vorlieb nehmen, für den jedes Mal mindestens 40 Minuten für den Hin- und Rückweg verloren gingen. Nach dem Paddeln die Boote bergan zu schieben und dann wieder im Keller zu verstauen, das erforderte viel zusätzliche Kraft, zumal die Boote ziemlich viel wiegen. Schüler unserer Schule, für die eine AG dort offen war, sprangen schon nach ein- oder zweimaliger Teilnahme wieder ab.

Das Paddelrevier mit Burggraben und Schwinge ist doch sehr begrenzt und fordert nicht sehr, sodass Paddeltörns schnell den Reiz des Neuen verlieren und langweilig werden können. Andererseits ist die Ausdauer vieler Schüler sehr begrenzt und setzt längeren Touren doch enge Rahmen. Ein Ausweichen auf die Elbe ist zu gefährlich wegen des Wellenganges und der Berufsschifffahrt. Wir verfügen auch nicht über Spritzdecken und Schürzen, welche das Einschwappen von Wasser ins Boot verhindern könnten.

Die Mithilfe von Eltern, welche Schüler transportieren und den Bootstrailer umsetzen müssten, ist leider nicht mehr selbstverständlich. Schule wird als Dienstleistungsunternehmen betrachtet, welches gefälligst dafür zu sorgen hat, dass Eltern gar nicht erst mit der Wahrnehmung von Hilfeleistungen betraut werden! Wegen dieser Einstellung konnten in den letzten Jahren noch nicht mal mehr Tagestouren unternommen werden.

Immerhin, ganz so negativ, wie sich das alles liest, war und ist die Situation nicht. Wir besitzen seit mehreren Jahren mit dem Bootshaus am Holzhafen einen Stützpunkt und eigene Kanadier, sodass wir die Boote dort schnell ins Wasser setzen können. Die Stadt Stade ließ einen Schlengel anbringen - und wenn man den Möwen und Enten das Bekleckern der Anlage abgewöhnen könnte, hätten wir dort absolut kein Problem mehr. Die schuleigenen Kanus - 6 Viersitzer - sind zudem extrem leicht und sogar von jüngeren Schülern gut zu bewältigen.

Mit der Ausrüstung der Hohenwedeler Schule dürfen wir unsere ergänzen, wenn eine Klasse mehr als 24 Plätze benötigt. Umgekehrt ist das auch so.

Zu Beginn des Schuljahres 2004/2005 fanden Einführungskurse statt, an der Schüler der 8. und einer 7. Klasse teilnahmen. Es müsste nur dafür gesorgt werden können, dass solche Kurse eine Fortsetzung fänden und auch junge Lehrkräfte bereit sind, sich für die Betreuung von Paddlern ausbilden zu lassen!

 

 

 

 

Was kann mit Kanadiern alles unternommen werden? Ich kann da aus meinem Erfahrungsschatz berichten und Kollegen so wie auch Eltern ans Herz legen, ähnliche Projekte ebenfalls zu versuchen. Die Welt sieht von der Wasserseite so anders und oft so schön aus, dass allein das viele Mühen lohnt!

Von dem erzieherischen Aspekt und der die Gemeinschaft fördernden Seite des Kanusports will ich hier nicht schwelgen, aber einige andere Zusammenhänge in den Vordergrund rücken:

Im Kanu finden auch behinderte Schüler eine Möglichkeit, ihre Klasse zu begleiten. Ein Querschnittsgelähmter - der Vater begleitete uns damals nach Ratzeburg - war im Boot mitten drin im Geschehen und zwischen seinen Klassenkameraden, dazu als Paddler wegen seiner überdurchschnittlichen Armkraft besonders gefragt. Auf Wanderungen ins Gelände hätten wir ihn jedenfalls nie mitnehmen können.

Von Berlin aus, sozusagen als Alternativprogramm, trafen wir uns mit einigen Eltern in Fürstenberg. Sie brachten uns die Boote, Zelte und allerlei andere Utensilien, welche wir für eine mehrtägige Tour auf der Mecklenburgischen Seenplatte benötigten. See- und Fischadler zu bewundern, Haubentaucher bei den ersten Ausflügen und dem Füttern ihrer Küken zu beobachten, im flachen Wasser zu stehen und sich von klitzekleinen Fischen die Waden beknabbern zu lassen – das zum Beispiel und vieles mehr wird durchs Paddeln ermöglicht.

Eine andere tolle Sache war die einwöchige Begegnung mit einer polnischen Schülergruppe aus Szczecin (Stettin). Beim Paddeln ließen sich sprachliche Barrieren relativ einfach überwinden. Ich hatte damals auch eine größere Gruppe polnischstämmiger Schüler in meiner Klasse, was die Verständigung zusätzlich erleichterte. Das Wasserrevier an der Müritz-Havel-Wasserstraße liegt zwar nicht ganz auf der Hälfte der Strecke zwischen Stade und Stettin, für einen Treff eignet es sich aber gut - und zum Paddeln allemal!

(Leider sind unsere Schüler zu Begegnungstagen mit jungen Menschen aus Polen nur schwer zu motivieren, Frankreich oder England sind gefragtere Ziele. Aber wenn die Menschen in der EU weiter zusammenwachsen wollen, wenn ein größeres Verständnis gerade zwischen Deutschen und Polen entstehen soll, dann führen Treffen von Jugendlichen aus beiden Ländern am einfachsten zu dem Ziel!)

Ein Ereignis während dieser Woche soll nicht unerwähnt bleiben: Gleich nach unserer Ankunft zog für fast 2 Tage eine Schlechtwetterfront über Mecklenburg hinweg. Wegen eines unangenehmen Nieselregens fuhren wir nicht auf die Seen hinaus, sondern im Pendelverkehr mit zwei Kleinbussen zur Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück bei Fürstenberg. Weil ich einen Bus steuern musste, erkundeten die Schüler die Ausstellung selbstständig. Es waren zwar Eltern dabei und zwei polnische Lehrer, aber die erklärten alle nichts, sondern informierten sich, wie die Jugendlichen auch, mithilfe der Texte und Bilder der Ausstellung so wie durch die Besichtigung des Krematoriums und des einen erhaltenen Gebäudes mit den Zellen. Ich war mehrere Jahrzehnte Lehrer und vermittelte meinen Schülern die unterschiedlichsten Begegnungen - aber so betroffene Mädchen und Jungen sah ich weder vorher noch nachher. Ich meine heute noch, dass dieser Besuch stärker als alles andere jedem einzelnen Schüler verdeutlichte, dass es überhaupt keine Alternative zu einer Völkerverständigung gibt! Schön, dass ich dieses Ziel fördern konnte.

Wenn eine Klasse mit sechs oder acht Booten im geschlossenen Pulk über einen See paddelt und auf das Ufer zuhält, erzeugt das einen gewaltigen Eindruck bei Zuschauern. Kaum jemand kann sich der Vorführung geballter Kraft und Energie entziehen. Allerdings darf es dann keinen „Reinfall“ geben, weil sonst die Schadenfreude der Zuschauer riesengroß wird. Das geschah einmal in Ratzeburg. Uns waren bei der Rückkehr von einer Tour stets bewundernde, manchmal neidische Blicke und Worte entgegen geflogen und wir hatten uns in dieser Bewunderung gesonnt. An einem sehr warmen Nachmittag hatte eine Crew sich Handtücher unter den Popo gelegt, als Polsterung für die harten Sitzbretter. Bei einem eleganten Schwenk kurz vor dem Ufer rutschten die Paddler auf ihren Tüchern plötzlich wie auf Kommando zur Kurvenaußenseite, bekamen dort das Übergewicht und das Boot kenterte blitzartig. Genau so blitzartig brandete Gelächter auf, während vier völlig verblüffte Gesichter aus dem Wasser auftauchten. Das sah wirklich sehr zum Lachen aus - und sogar die schnell gegebene Versicherung, es wäre alles Absicht gewesen, konnte verlorenes Image nicht wieder aufbauen. Nun gut, Baden ist auch eine Wassersportart und Kanu fahren vermittelt eben Erlebnisse!