Die Schule von 1977 bis 2003


 

In die Annalen der Realschule Camper Höhe werde ich eingehen als derjenige Schulleiter, der die Schule am stärksten heruntergewirtschaftet hat. 1977 habe ich sie als größte Realschule des Landkreises Stade mit 1062 Schülern und 65 Lehrkräften übernommen. 2003 habe ich mich von 439 Schülern und 27 Lehrern verabschiedet. Es gibt auch Gründe für den Niedergang. Im Jahre 1979 wurde in Stade die Orientierungsstufe eingeführt, die Realschule verlor die Klassen 5 und 6, also ein Drittel ihrer Schülerschaft. Im gleichen Jahr wurde in Fredenbeck eine neue Realschule eingerichtet, wodurch die Camper Höhe die Schüler aus Fredenbeck, Deinste, Essel, Helmste, Kutenholz, Mulsum, Schwinge und Wedel verlor.

Ab 1972 spricht man von den geburtenschwachen Jahrgängen, die in der Zeit von 1983 bis 1990 in der Realschule ankamen. Und schließlich wurde 1994 in Grünendeich-Steinkirchen eine neue Realschule gebaut, die uns die Schüler aus Melau, Bassenfleth und Hollern-Twielenfleth entführte. Ab 1998 besuchten zum ersten Mal nur noch Stader Schüler die Camper Höhe. Fakt ist und wird es immer bleiben: Unter meiner Leitung ist der größte Schülerrückgang aller Zeiten zu verzeichnen gewesen!

Herrschte bis zum Jahre 1979 ein akuter Lehrermangel teilweise bis zu 40%, brachte der enorme Schülerrückgang ein neues Problem mit sich: Lehrerüberschuss! Da keine Lehrkraft die Schule für immer verlassen wollte, drehte sich in den folgenden Jahren ein gigantisches Abordnungskarussell, es begann ein Rotationsverfahren für überzählige Lehrkräfte. Im ersten Jahr der OS wurden allein 16 Lehrkräfte ganz oder teilweise an diese Schule abgeordnet.

Die Langzeitwirkungen dieses Verfahrens waren schon nach einem Jahrzehnt deutlich zu spüren: Es wurde keine neue Lehrkraft mehr eingestellt. Es fehlten die Ideen und Impulse junger Lehrerinnen und Lehrer. Das Durchschnittsalter des Kollegiums kletterte auf über 50 Jahre. Der Abstand zwischen Schülern und Lehrern wurde immer größer, die Fachversorgung insbesondere in Musik und Religion immer schwieriger. Der jüngste Kollege wurde 40 Jahre alt. Das böse Wort von der Vergreisung machte die Runde. Dabei waren die sächlichen Voraussetzungen mehr als zufriedenstellend. Jede Klasse hatte einen eigenen Raum, wenn auch einige Klassen im Pavillon und in der Sonderschule untergebracht waren.

  

Mit der Einführung der Orientierungsstufe bekam die Realschule neue Fachräume in Physik, Chemie und Biologie, deren Ausstattungen vorbildlich waren. Im Sportbereich herrschten ideale Zustände: Eine eigene, vielseitig nutzbare Sporthalle; Sportplatz, Freibad und Hallenbad grenzen unmittelbar an das Schulgrundstück. Der Schulträger, die Stadt Stade, war und ist eine sehr schulfreundliche Stadt. Die Unterrichtsversorgung pendelte um die 100 %-Marke, so dass jede Klasse jeden Tag sechs Stunden Unterricht erhalten konnte, worüber nicht wenige Schüler stöhnten und sich über jeden Stundenausfall freuten.

In den letzten Jahren sank die Unterrichtsversorgung wieder ab. In der Zeit meiner Schulleitertätigkeit setzte sich ein Trend fort, der schon viel früher begonnen hatte: Die Eltern wollten eine immer bessere Schulausbildung für ihre Kinder. Der Anteil der Hauptschüler ging kontinuierlich zurück, während der der Realschüler und Gymnasiasten stetig anstieg. Als ich 1960 Abitur machte, besuchten 15 % eines Jahrgangs das Gymnasium, 16 % die Realschule. Heute besuchen ca. 35 % das Gymnasium, etwa 40 % die Realschule. Wir haben also die komplette Schülerschaft der Realschule an das Gymnasium abgegeben und bekamen die obere Hälfte der Volks- bzw. Hauptschule.

Das erforderte eine aktive Einstellung auf die veränderten Voraussetzungen. Weiterhin bewirkten gesellschaftliche Veränderungen, dass der Erziehungsauftrag der Schule einen immer breiteren Raum einnahm. Mit der Freigabe des Elternwillens wurden an unserer Schule 30 bis 40 % der Schüler mit einer Hauptschulempfehlung angemeldet, zahlreiche Schüler gingen mit einer Realschulempfehlung zum Gymnasium.

In den Klassen 7 und 8 war eine stetige Fluktuation vom Gymnasium zur Realschule und von der Realschule zur Hauptschule feststellbar, die die pädagogische Arbeit erheblich beeinträchtigte. Erschwerend kam hinzu, dass nur maximal 30 % einer Klassenarbeit mit nicht ausreichenden Leistungen benotet werden durfte.

Die Hauptschule bereitet ihre Schüler in der Regel auf das berufsbildende Schulwesen vor, das Gymnasium auf die eigene Oberstufe. Die Realschule ist die einzige weiterführende Schule, die doppelgleisig fährt. Zum einen soll sie ihre Schüler so bilden und erziehen, dass diese befähigt werden, in die Ausbildung zu qualifizierten Berufen einzutreten, also in die gehobenen Berufe des Wirtschafts-, Verwaltungs- und Soziallebens. Zum anderen soll sie ihre Schüler auf die Oberstufe des Gymnasiums vorbereiten.

Zur Erfüllung dieser Ziele muss die Realschule einen angemessenen Leistungsanspruch stellen, was nach dem bisher Gesagten nicht immer leicht zu verwirklichen war. Die Berechtigung zum Besuch der Oberstufe des Gymnasiums wurde durch die Abschlussverordnung geregelt, die im Schuljahr 77/78 in Kraft trat. Am Ende der 10. Klasse gab es - je nach Leistung – drei verschiedene Abschlüsse: Den Erweiterten Sekundarabschluss I, den Sekundarabschluss I – Realschulabschluss – und den Sekundarabschluss I – Hauptschulabschluss - .

 Nur der Erweiterte Sekundarabschluss I berechtigte zum Besuch des Gymnasiums, zum Besuch aller Schulen. Ein Schüler wurde mit diesem Abschluss ausgezeichnet, wenn er im Durchschnitt in allen Pflichtfächern und in allen Wahlpflichtkursen mindestens eine 3,0 erzielt hatte und auch im Durchschnitt der Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik mindestens eine 3,0 erbracht hatte. In den 26 Jahren unter meiner Leitung wurden insgesamt 3026 Schüler aus Klasse 10 entlassen, davon 1161 (38 %) mit dem Erweiterten Sekundarabschluss I, 1692 (56 %) mit dem Realschulabschluss und 173 (6 %) mit einem Hauptschulabschluss. Am Anfang meines Schulleiterdaseins konnte ich 204 Schüler aus sieben zehnten Klassen verabschieden, 2003 waren es 72 Schüler aus drei zehnten Klassen. Die meisten Realschüler, die Abitur machen wollten, wechselten auf die Fachgymnasien in Stade.

Meine Schulleitungszeit war auch eine Phase der Kontinuität und Konsolidierung. Maßgeblichen Anteil daran hatte das aufgeschlossene Kollegium, das im Laufe der Jahre immer mehr zusammenrückte. Dazu beigetragen hat auch die Schulaufsicht, die über 21 Jahre von Herrn Schulamtsdirektor Bierstedt vertreten wurde, der statt Hierarchie Menschlichkeit in die Schule brachte. Gefördert wurde die Schule durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Elternschaft, die uns in allen Vorhaben tatkräftig unterstützt hat. 1986 wurde eine Bestandsaufnahme der Realschule durchgeführt. Es ist schön, an einer Schule gearbeitet zu haben, die in der Öffentlichkeit, insbesondere bei den Eltern und Schülern so anerkannt wird.

Wolf Dildey