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Stade um 1850 Die bürgerliche Märzrevolution, an die auch die bürgerliche Elite Stades große Hoffnungen geknüpft hatte, war spätestens 1849 gescheitert. Zwei Stader Abgeordnete in der Frankfurter Nationalversammlung waren unverrichteter Dinge zurückgekehrt, der Rechtsanwalt Gottlieb Wilhelm Freudentheil und der damals stellvertretende Rektor des Athenaeums Christian Heinrich Plaß. Das Thema war jetzt nicht mehr parlamentarische Demokratie und Nationalstaat, sondern Erweiterung, Modernisierung und wirtschaftliche Entfaltung der Stadt. In den Jahren zwischen 1848 und 1852 gelang es Stade, sich durch die Eingemeindung der Vorstädte in die Umgebung auszudehnen. Die Einwohnerzahl wuchs damit auf gut 7.500 Menschen, zu denen noch etwa 400 Soldaten der Garnison kamen. Auf der Grundlage der Hannoverschen Städteordnung von 1851 erhielt die Stadt 1852 ein neues, vom Staat erlassenes Ortsstatut. Gleichzeitig wurde auch die Trennung von Justiz und Verwaltung durchgeführt; das Stadtgericht, das bisher eine Abteilung des Magistrats war, wurde aufgelöst und statt dessen ein Amtsgericht geschaffen. Ebenso wurde ein von der Verwaltung unabhängiges Obergericht eingerichtet, das spätere Landgericht. Als zentrale Aufgabe sah die Stadtverwaltung unter ihrem erst gut 40jährigen Bürgermeister Carl Ludwig Neubourg die Beseitigung der die Entwicklung hemmenden Festungsanlagen und den Anschluss an die Eisenbahn. Der offizielle Antrag der Stadt, die Festung aufzuheben, wurde jedoch vom Hannoverschen Ministerium Anfang 1856 endgültig abgelehnt, und auch deswegen blieben die Eisenbahnpläne ebenso in der Schublade, beides für etwa 25 Jahre. Als zumindest eine Folge der Märzrevolution wurde die alte Zunftverfassung weitgehend aufgehoben, langsam entwickelte sich eine zunächst allerdings noch eingeschränkte Gewerbefreiheit, wenn auch gegen den Widerstand der ansässigen Handwerker und kleineren Kaufleute. 1850 wurde die Holzhandlung Johann Hinrich Hagenah gegründet, aus der die Firma Hagenah-Borcholte, eines der größten Unternehmen der Stadt, entstand. 1854 wurde an der Horst eine Ziegelei gegründet, die bis zum Ersten Weltkrieg bestand; aus der Lehmkuhle der Ziegelei entstand der heutige Horstsee. Gleichzeitig entstanden auch zögernde Pläne zur Verbesserung der Infrastruktur. Man begann die Wasserleitung von den Fischteichen unterhalb des Schwarzen Berges zu verbessern, die hygienischen Verhältnisse blieben aber weiterhin aus heutiger Sicht katastrophal. Eine Müllabfuhr gab es nicht, Abfälle und Abwässer wurden in die Straßen gekippt und von so genannten Dreckfahrern abgefahren. Dafür und für die Reinigung der wenigen vorhandenen Abfallgruben entrichteten die Hauseigentümer ein „Dreckgeld“. Im Jahr 1850 gab es auch in Stade eine kleine Choleraepidemie mit insgesamt 84 Toten.
Die Gründung der Bürgerschule Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Gymnasium die einzige reguläre öffentliche Schule in der Stadt, auch wenn es seit dem 17. und 18. Jahrhundert wiederholt Versuche gegeben hatte, Schulen für die bürgerliche Jugend einzurichten. Die ersten „Realschulen“ des 18. Jahrhunderts fanden jedoch offenbar keinen direkten Widerhall in Stade. Die Realschule, an der sachkundlicher Unterricht, der auf die unterschiedlichen Berufe vorbereitete, erteilt werden sollte, stand im Gegensatz zum humanistischen, sprachenorientierten Gymnasium, das die Wünsche des allmählich erstarkenden Bürgertums nicht erfüllen konnte. In Stade hatten sich im Laufe der Zeit zwei so genannte „Deutsche Klassen“ – im Gegensatz zur Lateinschule, dem Gymnasium – entwickelt, die beide im Gebäude des Gymnasiums untergebracht waren, eine für den höheren Bürgerstand, die andere für den niederen Bürgerstand. Hier wurden bereits Jungen und Mädchen nebeneinander unterrichtet. Insgesamt hatten beide um 1840 etwa 200 Schülerinnen und Schüler. Daneben gab es innerhalb des Gymnasiums auch Realklassen, die bisweilen auch als „Bürger- oder Mittelschule“ bezeichnet wurden. Das gesamte Schulwesen neu zu regeln, darum bemühte man sich intensiv in den Jahrzehnten nach 1840. Immer wieder neue Pläne wurden entwickelt: 1843 sollte eine einzige städtische Schule gegründet werden, die allerdings im Inneren aufgeteilt sein sollte in eine Bürgerschule und eine Volksschule. Es gab lange Diskussionen, die verknüpft waren mit der Umorganisation des staatlichen Lehrerseminars, ehe ab 1854 die grundlegende Neuorganisation des städtischen Schulsystems durchgeführt wurde. Im Oktober 1854 wurde zunächst die Volksschule errichtet. Über die Mittelschule war eine Einigung mit dem Lehrerseminar erzielt worden. Während die Mädchenbildung dem Seminar überlassen wurde, durfte die Stadt zu Ostern die neue Bürgerknabenschule eröffnen. Ein Flügel des alten Gymnasiums am Pferdemarkt wurde dazu mit einem nicht geringen Kostenaufwand umgebaut. 49 Schüler besuchten die Bürgerknabenschule ab Ostern 1855. Eine endgültige Form erhielt die neue „Stadtschule“ erst in dem 1859 erlassenen und genehmigten „Regulativ“. Sie bestand aus drei Abteilungen, der Volksschule, der Freischule für die Kinder der Armen, an der kein Schulgeld erhoben wurde, und der Bürgerknabenschule; die Bürgertöchterschule – die Mädchenmittelschule – wurde an das Lehrerseminar abgegeben.
Die Entwicklung der Mittelschule in der Stader Schullandschaft Die neue Mittelschule war nicht nur räumlich mit dem Gymnasium verbunden. Die Leitung der neuen Schule hatte der Direktor des Gymnasiums, für Gymnasium und Bürgerschule wurden gemeinsame Elementarklassen eingerichtet.
Christian Heinrich Plaß
Zweck der Bürgerknabenschule war nach dem Wortlaut des Regulativs die „Vorbereitung für einen bürgerlichen Beruf, welcher zwar keine streng wissenschaftlichen Kenntnisse oder die Aneignung fremder Sprachen beansprucht, der aber dennoch nicht nur eine allgemeine Bildung, sondern auch tüchtige Schulkenntnisse und Fertigkeiten erfordert.“ Finanziert wurde die Mittelschule wie alle anderen – mit Ausnahme der Freischule – aus dem Schulgeld, das die Eltern der Schüler zu entrichten hatten, und den Schulanlagen, einer Schulsteuer, die entsprechend den Gemeindesteuern erhoben wurde. Insgesamt bestand die Bürgerknabenschule aus vier jeweils zweijährigen Klassen, also acht Jahrgängen von 6 bis 14 Jahren. Nicht nur wurde die eigentliche Elementarklasse gemeinsam geführt, aus der ersten Realklasse konnten die Schüler auch nach bestandenem Examen in die Realklassen des Gymnasiums überwechseln. In den beiden unteren Klassen wurden 22 bzw. 26 Wochenstunden Unterricht erteilt, in den beiden oberen Klassen 28 Wochenstunden. Interessant ist, dass als erste Fremdsprache zusätzlich Französisch angeboten wurde; Englisch wurde erst in der zweiten Realklasse des Gymnasiums unterrichtet. 15 Jahre lang blieb die Leitung der Bürgerschule in den Händen des Gymnasialdirektors Plaß, bis 1870 dem Lehrer Alpers die innere Leitung der Schule übertragen wurde. Grundlegend für die weitere Entwicklung der Schule wurde ein Erlass des Preußischen Ministers vom 15. Oktober 1872, der das gesamte Bürgerschulwesen vereinheitlichte. Alle bisher entstandenen Schulen erhielten den Namen „Mittelschule“ und sollten eine neue Schulform bilden, die auf der Volksschule aufbaute. Die Bedürfnisse des gewerblichen Lebens und des Mittelstandes sollten hier stärker berücksichtigt werden.
Johannes Alpers
Als Folge dieser Neuregelung erhielt auch die Stader Bürgerknabenschule ab Ostern 1874 den Namen „Mittelschule“, in den oberen Klassen wurde nun Englisch als Pflichtfach eingeführt. Die Mittelschule wurde selbständig, ihr erster Rektor war der seit 1855 hier unterrichtende Lehrer Johannes Alpers. Im folgenden Jahr wurde die neue Schule auch räumlich selbständig, sie zog mit 208 Schülern in das Haus Beim Salztor 1. Hier hatte sich bis 1858 die Salztorswache befunden, in der auch der Torschreiber sein Büro hatte, der den Wagenverkehr kontrollierte. Für die Mittelschule wurde das vorher einstöckige Gebäude umgebaut und aufgestockt, am 2. August 1875 begann der Unterricht.
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Das erste eigenständige Gebäude
Längere Kontinuität gewann die Mittelschule hier jedoch auch nicht. Als 1889 die Volksschule ihren Neubau an der Wallstraße bezogen hatte, konnte die Mittelschule, die bereits seit einigen Jahren unter Raumnot litt, nun ihrerseits 1890 in das alte Volksschulgebäude an der Ecke Wilhadikirchhof und Schiefe Straße umziehen, das nun für fast 50 Jahre Standort der Mittelschule blieb, die sich kontinuierlich weiterentwickelte. Am 17. April 1890 wurde die Mittelschule an ihrer neuen Adresse mit nun 301 Schülern eröffnet; dies war bis zum Ersten Weltkrieg in etwa der höchste Schülerstand. Die Einrichtung einer Mittelschule für Mädchen war von der Stadt zunächst dem Lehrerseminar überlassen worden, das eine dreiklassige Seminartöchterschule gründete. 1863 wurde sie Teil der neu errichteten Städtischen Töchterschule. Als 1908 aber das gesamte höhere Schulwesen für Mädchen neu geordnet wurde, löste man die Mädchenmittelschule, die diesen Namen gleichzeitig mit der Jungenschule erhalten hatte, heraus und verselbständigte sie in den Räumen des ehemaligen Lehrerseminars an der Ecke Seminarstraße und Hagedorn. Sie hatte etwa 70 Schülerinnen. Erst in der Weimarer Republik, in den Jahren zwischen 1923 und 1928, wurde die Mädchenmittelschule langsam aufgelöst und in die Jungenmittelschule eingegliedert.
Das Haus Schiefe Straße 2
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren die Elementarklassen der weiterbildenden Schulen abgetrennt und ab Ostern 1921 zu einer vierjährigen Grundschule zusammengefasst worden, sodass die Mittelschule nun nur noch sechs Jahrgangsstufen umfasste. 1926 besuchten die Schule 245 Jungen und 84 Mädchen, und in dieser Größenordnung blieb die Schule auch in den kommenden Jahren. Die Übernahme der Mädchenmittelschule vergrößerte die Raumnot der Schule, die aber noch gut zehn Jahre sich mit dem alten Domizil zufrieden geben musste.
Georg Siercke, Rektor 1899 - 1926
Erst die Schließung der Taubstummenanstalt an der Wallstraße 1933 eröffnete der Mittelschule die Möglichkeit, in ein großzügiges Gebäude umzuziehen, auch wenn man noch fünf Jahre warten musste, bis SA und Militärverwaltung das Haus räumten, das nun für die Bedürfnisse der Mittelschule umgebaut wurde. Am 17. August 1938 zog die Schule feierlich von der Schiefen Straße 2 zur Wallstraße 17. Allerdings blieb nur noch ein Jahr Zeit, ehe der große Eroberungskrieg in zunehmendem Maße auch Lehrer und Schüler in Anspruch nahm. In den letzten Kriegsjahren fand regelmäßiger Unterricht immer seltener statt, oft wurde er vom Fliegeralarm unterbrochen, in der Schule wurde eine Feuerwache eingerichtet. In den letzten Monaten vor Kriegsende fand überhaupt kein geordneter Unterricht mehr statt. Die Mittelschule wurde vielmehr seit Februar 1945 das große Durchgangslager für die Flüchtlingsströme aus dem Osten Deutschlands, auch wenn am 24. März noch eine Abschlussfeier stattfand.
Die Mittelschule in der Wallstraße
Nach der Besetzung am 1. Mai 1945 wurden für vier Monate ehemalige Zwangsarbeitskräfte in der Schule einquartiert, von denen zumindest einige die Ausstattung der Schule kräftig dezimierten. Erst am 3. September 1945, aber damit für Stade recht früh, wurde die Mittelschule wieder für den Schulbetrieb freigegeben, sie hatte aber in den ersten Jahren zum Teil auch die anderen Volksschulen aufzunehmen, die noch von DPs belegt waren oder weiter als Hilfslazarett benutzt wurden. Die Folge war Schichtunterricht, der aber beispielsweise im Winter 1945/46 und 1947/48 wegen Kohlenmangel reduziert werden musste.
Neubau der Realschule Camper Höhe 1962
Gleichzeitig stieg die Schülerzahl erheblich und verdoppelte sich nahezu in den zehn Jahren bis 1955. Für nun 700 Schülerinnen und Schüler aber war das Gebäude an der Wallstraße zu klein. Daher wurden schon in den kommenden Jahren Pläne für einen Neubau auf der Camper Höhe entwickelt. Am 28. Juni 1960 wurde der Grundstein gelegt, am 15. Januar 1963 der Neubau der Mittelschule feierlich übergeben, die 1965 den offiziellen Namen Realschule erhielt. Innerhalb der nächsten zehn Jahre verdoppelte sich die Schülerzahl, sodass 1975 eine zweite Realschule am Hohenwedel errichtet werden musste.
Dr. Jürgen Bohmbach (Stadtarchivar) |