| "Werde doch Friseurin"
Damit gab sich Sibel Polat (25) nicht
zufrieden
Jetzt studiert sie Betriebswirtschaft und
hat "Ein offenes Ohr" für Schüler
tp. Stade. „Ihr türkischen Mädchen werdet Hausfrauen,
andernfalls zieht euch euer Vater an den Haaren an den Herd“:
Diese von Vorurteilen belastete Prognose ihres damaligen
Hauptschullehrers klingt Sibel Polat (25) aus Stade noch heute
in den Ohren. Doch für die junge Deutsche mit Wurzeln in der
Türkei kam es anders: Sie studiert Betriebswirtschaftslehre. Wie
man es mit eher schlechten Bildungsvoraussetzungen an eine
Hochschule schafft, zeigt sie jetzt Schülern im Rahmen des neuen
Projektes „Ein offenes Ohr“.
Jeden Mittwoch besucht sie mit den ebenfalls türkischstämmigen
Studenten Deniz Kadioglu (24) und Ayla Ersoy (26) die Realschule
Camper Höhe in Stade.
Dort
engagieren sie sich im Rahmen des von ihnen iniziierten
Projektes „Ein offenes Ohr“ als Tutoren für Jugendliche, die
Ratschläge rund um Schule, Praktika, Karrieremöglichkeiten
benötigen. „Ein offenes Ohr“ ist Schwerpunkt eines freiwilligen
Forschungsprojektes, das das Studententrio bei der Stadt Stade
absolviert. Unterstützt und mitkonzipiert wurde die vor wenigen
Wochen gestartete Vorbild-Initiative u.a. vom „Netzwerk
Interkulturell“ und dem Kreisverband Stade des Deutschen
Kinderschutzbundes.
Muslimin Sibel Polat, deren Großvater als Gastarbeiter nach
Deutschland kam, wuchs mit vier Brüdern in Stade auf. Der Vater,
ein Industrie-Vorarbeiter, und die Mutter, Hausfrau, erzogen die
Kinder nach Sibels Angaben „modern und kulturell offen“.
Eine Tante und ein Onkel sind als Gastronomen selbstständig. „So
entwickelte auch ich schon als Jugendliche Interesse an der
Wirtschaft“, sagt Sibel Polat.
Doch ein Studium der Ökonomie schien unerreichbar. Sibel Polat
besuchte zunächst die Hauptschule. Nach dem Abschluss habe ein
ein Berufsberater vorgeschlagen: „Werde doch Friseurin.“ Die
ehrgeizige junge Frau entschied sich jedoch für den
Wirtschaftszweig der Berufsschule, wo sie den Realschulabschluss
machte. Selbst danach hielt der Berufsberater an seinem alten
Ratschlag der Friseurlehre fest.
Sibel Polat gab sich damit nicht zufrieden, machte das Abitur an
einer Privatschule, studierte in Hamburg
Betriebswirtschaftslehre, erwarb den Bachelor-Titel mit der Note
Gut. Und ist noch lange nicht am Ziel: Im Oktober beginnt das
Master-Studium, danach möchte sie promovieren.
Von dem auf dem steinigen Bildungsweg erlangten reichen
Erfahrungsschatz der bescheidenen und zugleich selbstbewussten
jungen Frau mit dem „offenen Ohr“ profitierte jüngst eine Stader
Realschülerin: Sie hatte - entgegen ihrer Neigung - ein
Praktikum als Erzieherin in einem Kindergarten begonnen,
interessiert sich aber mehr für Zeichnen und Architektur. Sibel
Polat, die überzeugt ist, dass „jeder sein Ziel erreichen kann“,
half dem Mädchen auf die richtige Spur. Nun liege es an der
Schülerin selbst, sagt Sibel Polat: „Wir können nur die Tür
öffnen, durchgehen müssen sie selbst.“
• Kontakt: Tel. 0176 - 27121089 , E-Mail:
einoffenesohr@hotmail.com.
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